Der Gesetzesversteher

Massimo Aliotta, Rechtsantwalt, vor seinen Büchern, die er alle gelesen hat, wie er scherzhaft sagt. Bild: Heinz Diener
Massimo Aliotta, Rechtsantwalt, vor seinen Büchern, die er alle gelesen hat, wie er scherzhaft sagt. Bild: Heinz Diener

Massimo Aliotta war noch ein Kind, als die Schweiz 1970 über die Überfremdungsinitiative abstimmte. Sie richtete sich gegen Süditaliener, also auch gegen ihn. Heute kämpft der Anwalt für Reiche und Arme und gegen die Durchsetzungsinitiative.


Der Satz fällt auf: «Das muss man deutsch und deutlich sagen.» Der Winterthurer Massimo Aliotta sagte ihn kürzlich in einer Diskussionssendung im Schweizer Fernsehen. Man hört ihn an diesem Samstagmorgen wieder, und das mehrmals. Er, der Deutsch und vier Fremdsprachen spricht, sagt ihn am Schluss von längeren, manchmal schon fast dozierenden Passagen über Menschenrechte, Verfahrensrechte, Rechtsstaatlichkeit und wechselt ab mit «das geht einfach nicht».

Der Rechtsanwalt, Sohn sizilianischer Migranten, kämpft für Reiche, Asbestopfer, Arbeiter, also auch für die weniger gut Situierten der Gesellschaft und in den letzten Wochen öffentlich gegen die Durchsetzungsinitiative – an Podien, in Leserbriefen, auf der Strasse.

Einer wie er gibt nicht auf

Die Initiative will, dass Ausländer bei grossen und kleinen Vergehen automatisch ausgeschafft werden. Das sei ein radikaler Bruch mit der Demokratie, wie die Schweiz sie bisher verstand, sagt Aliotta. Es greife die Menschenrechte an und fördere die Zweiklassengesellschaft: Ausländer hier, Schweizer da.

«Es ist eine Gefahr, weil auch die Schweizer einen Schutz verlieren», sagt Aliotta. Wird am Recht geschraubt, kann das langfristig zu Nachteilen für Schweizer führen. Die Schwächeren sind in der Schweiz im Vergleich zu anderen europäischen Ländern bereits schlechter gestellt, etwa im Miet- und Arbeitsrecht.

Draussen ist der Wind kühl und die Gassen der Winterthurer Altstadt sind noch leer. In der Kanzlei hallen die Schritte, die Pulte sind fein aufgeräumt, die Gestelle voller Bücher. «Die habe ich alle gelesen», scherzt er und lacht in einem tiefen Ton.

Am Glastisch redet er weiter. «Gerechtigkeit ist nicht einfach gegeben, und sie zu erhalten, bleibt ein Kampf.» Aliotta muss es wissen, er, der seit 20 Jahren Prozesse führt, 120-mal vor Bundesgericht kämpfte und auch verlor, wie vor zwei Wochen oder im Strafprozess für Asbestopfer gegen die Eternit. Hat er seinen Glauben ans Rechtssystem nie verloren? «Doch, doch, immer wieder. Aber ich mache weiter.»

Einer wie er gibt nicht auf. Er, der sich als Italiener viele Jahre in der Schweiz habe anhören müssen, was für eine Gesetzesbürokratie sie in Italien doch hätten, will keine solche in der Schweiz. Auch deshalb ist er gegen die Durchsetzungsinitiative.

Sein Vater, ein Coiffeurmeister, starb, als Aliotta sieben Jahre alt war. Die Welt war ungerecht und danach eine andere. Das Erlebnis schärfte seinen Gerechtigkeitssinn, seine Mutter arbeitete fortan als Hilfsarbeiterin und für den Lebensunterhalt, für ihn und seinen älteren Bruder. Dann, 1970, ein Jahr später, bewegte die Angst vor Überfremdung und den vielen Italienern das Land und gipfelte in der Schwarzenbach-Initiative. Wäre sie angenommen worden, hätten 350 000 Ausländer die Schweiz verlassen müssen. Die Stimmung war aufgeheizt. Auf dem Pausenplatz nannten sie ihn «Tschingg», Aliotta prügelte sich, diskutieren kam erst später.

Wäre Aliotta gerne mit sich verheiratet? «Ich bin geschieden.»

Mit 20 Jahren, als ihm seine Wohnung gekündigt wurde, ging er erstmals vor Gericht. Er merkte, wie schwierig es ist, seine Rechte durchzusetzen, schmiss sein Geschichts- und Englischstudium hin für die Jurisprudenz.

Kaum hatte Aliotta sein Anwaltspatent gemacht, gründete er eine Kanzlei. Er entscheidet schnell. Das sagt auch sein langjähriger Freund und Anwaltskollege David Husmann: «Er ist ein effizienter Idealist.» Aliotta trat 2002 in den Verein für Asbestopfer ein, den Husmann gegründet hatte. Beide hörten vom Eternit-Prozess in Italien und realisierten, dass Asbestopfer in der Schweiz nicht zu ihrem Recht kamen. Sie prozessierten zwölf Jahre und am Ende erfolgreich am Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Strassburg. Asbestopfer können nun ihre Ansprüche zivilrechtlich durchsetzen. «Ich bin nicht nur ein Ruhiger», sagt Aliotta, «ich kann auch aufbrausend sein.» Sein Temperament ziehe sich auch privat durch, bestätigt Husmann. Seine Tage sind gut strukturiert, vielleicht gerade darum hat Aliotta auch ein Privatleben. Jeden Montagabend legt er in einem Club in Winterthur als DJ auf; seit 24 Jahren tanzt er Salsa, Merengue und Tango argentino.

Wäre Aliotta gerne mit sich selbst verheiratet? «Ich mit mir? Weiss nicht», sagt er und lacht. «Ich bin geschieden.»

Erschienen in: Der Landbote vom 20. Februar 2016

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