Der Herr im blauen Übergewand

Die Primarschüler in Dinhard prägen seit 20 Jahren die Tage von Hauswart Hans Frischknecht. Bild: Marc Dahinden
Die Primarschüler in Dinhard prägen seit 20 Jahren die Tage von Hauswart Hans Frischknecht. Bild: Marc Dahinden

 

Hans Frischknecht ist Hauswart der Primarschule Dinhard. Seit 20 Jahren geht er um zehn Uhr abends als Letzter durch die Klassenzimmer und löscht die Lichter.


Hans Frischknecht steht auf dem Pausenplatz. Er ist seit vier Stunden auf den Beinen, also seit 6 Uhr. Es regnet. Bei schlechtem Wetter arbeitet der Hauswart lieber drinnen. Dort wird er dann auch gebraucht. Auf den Böden im Schulhaus Dinhard verteilen Kinder mit ihren Schuhen Laub im Herbst, Schnee im Winter und Gras im Sommer. «Dann putze ich es halt», sagt der Mann in blauer Arbeiterhose und Filzjacke gelassen.

So wie die Jahreszeiten wechseln, ist auch er älter geworden und sein Haar schütterer. «Den Kindern ist nicht wichtig, ob der Gang sauber ist», sagt er. «Das passt schon.»

Im April feierte Hans Frischknecht 20 Jahre als Hauswart in der Primarschule Dinhard. Als er das Amt übernahm, ging sein Vorgänger gerade in Pension. Beim grossen Frühlingsputz eine Woche später kam Frischknecht ziemlich ins Rotieren. Er wollte es perfekt machen: Böden und Eingänge sollten glänzen. Am nächsten Tag jedoch fing er wieder von vorne an. Eine Sisyphusarbeit, die ihn in den ersten Wochen ärgerte. Dann sagte er sich: Entweder akzeptiere ich, dass die Toiletten und die Böden gleich wieder dreckig werden, oder ich muss mir einen neuen Job suchen.

Dabei hatte er im Vorstellungsgespräch gesagt, er wolle zehn Jahre bleiben. Hans Frischknecht passte seine Ansprüche an. Und blieb.

Draussen regnet es nun in Strömen: Es macht die Sträucher grüner, den Tag nicht schöner. Die Türen öffnen sich, Schulkinder rennen durch die Gänge auf den Pausenplatz an ihm vorbei.

«Die Jungen sagen oft: Was du nicht schon alles gemacht hast!», sagt Hans Frischknecht, «aber wenn man nicht mehr der Jüngste ist…» Der heute 56-Jährige hatte ganz andere Pläne: Er wollte bauern und vom Elternhaus im sankt-gallischen Engelburg nach Kanada auswandern. «Mit 20 hat man noch so Illusionen», sagt er. Dort in Ontario half er auf einer Milchfarm aus, fuhr Traktor. Er hatte aber kein Geld, eine Farm zu kaufen. «Und dann müsste man auch die richtige Frau haben da draussen», sagt er. Er fand sie in der Schweiz, zog mit ihr vier Kinder gross und als 35-Jähriger mit ihnen in die Schulwohnung im ersten Stock. Ein Glücksfall für alle: Seine Kinder waren nah in den Klassen, sie machte das Büro, er kümmerte sich um das Gebäude. «Ich bin froh, dass es so gelaufen ist», sagt er. «Das passt schon.»

Hans Frischknecht hatte im Holzbau gearbeitet, spürte bald seinen Rücken. Vom Dach der Primarschule aus sah er eines Tages seinen Vorgänger und dachte: Das wäre auch was für mich. «Er war super, da muss man sich zusammenreissen», sagt er und redet, als hätte er erst eben als Hauswart angefangen. Dabei liegen Jahre dazwischen, die auch seine Arbeit verändert haben: weniger Reinigung drinnen, mehr Grünpflege draussen.

Morgens wischt er die Halle, putzt die Toiletten, zweimal die Woche die über zehn Klassen und Werkzimmer. Im Sommer mäht er den Rasen der Kirche, beim Friedhof und unterhalb der Schule. Über die Jahre kamen mehr Flächen in seinem Pflichtenheft dazu. Er ist sein eigener Chef, muss die Arbeit sehen und nicht suchen. «Ich kenne eigentlich nur gute Tage», sagt Hans Frischknecht. Unvorhergesehenes gibt es immer. Etwa ein Ball auf dem Dach. «Meistens sind es ja Schuhe und Turnsäcke», sagt er.

Den 100 Quadratmeter grossen Pausenplatz mag er am liebsten, dort ist seine Arbeit auch für andere sichtbar, die an Wochenenden vom Dorf herkommen: Mütter mit ihren Kindern. Grüne Sträucher und Bäume säumen die Ränder. Unter einer Pergola steht eine Gruppe beim Znüni, die Mädchen lachen, die Buben frotzeln. Sie wollen Hans Frischknecht in den Singsaal folgen. Er lacht nur und schliesst die Türe hinter sich. Die Schüler haben ihn und seine Tage geprägt, er sich mit ihnen arrangiert. «Sie sollen Kinder sein dürfen», sagt er. Sie brauchen Platz zum Austoben. «Natürlich habe ich auch schon einen in den Putzraum zitiert», sagt der Hauswart. Wenn Schüler einen Umweg vom einen Klassenzimmer zum anderen machen, weiss Frischknecht, etwas ist nicht in Ordnung. Aber er sagt nur selten etwas, und nur dann, wenn er nicht verärgert ist.

Die Schüler sind heute braver als noch vor 20 Jahren. Streiche spielten sie dem Hauswart nur in seinem ersten Jahr: Am Schulsilvester schmierten sie Eingänge und Türen mit Rasierschaum ein. Hans Frischknecht blieb cool und bestand den Test. «Das passt schon», sagt er. Ihm ist wichtig, dass er es gut mit den Kindern hat. «Du weisst nie, wenn einer dein Chef wird», sagt er. Kürzlich brachte ein Vater seinen Sohn zur Schule, den er bereits kannte, als er noch in den Kindergarten ging. Nur bei wenigen ist er nach acht Schuljahren froh, wenn sie wieder gehen. «Bei den Kindern muss man auch immer die Geschichten dahinter kennen», sagt er. Das Dorf ist klein, die Leute kennen sich.

Um zehn Uhr abends dreht er seit 20 Jahren nochmals eine Runde durchs Schulhaus. Er schliesst offene Fenster, löscht Lichter. Und traf auch schon auf Jugendliche in Gebüschen, die sich bei ihm ausweinten.

Vor fünf Jahren zog Hans Frischknecht mit seiner Frau aus der Schulwohnung in ein Haus um. Jetzt läuten die Leute nicht mehr einfach an seiner Tür oder auf sein Handy an. Die Hemmschwelle ist grösser geworden. «Sie sollen anrufen, dafür bin ich da», sagt der Hauswart. Will er ungestört sein, geht er einfach zu seinen Bienen. «Hauswart ist der Job, den ich mache, bis ich aufhöre», sagt er. Ob er dann schon pensioniert ist, weiss er jetzt noch nicht. Es wird schon passen.

Erschienen im Der Landbote vom 23. Mai 2016

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