Der Wald ist voll

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In stadtnahen Wäldern der Schweiz kollidiert der Biker mit dem Spaziergänger, und der Lärm der Menschen schreckt die Tiere auf. Der Druck auf die Natur nimmt zu. Das hat seinen Preis.

Stellen Sie sich vor, ein Pferd galoppierte durch Ihr Wohnzimmer, Spaziergänger pflückten Beeren aus Ihrem Garten. Wie würden Sie reagieren? Die Eindringlinge fortjagen? Sie zahlen lassen? Wer in Frankreich einen Wald besitzt, darf das tun. Denn die Wälder dort sind nicht für alle zugänglich. Sind sie Privateigentum, darf niemand sie betreten; das sogenannte Jedermannsrecht gilt dort nicht. In Schottland, Norwegen, Finnland und der Schweiz hingegen können alle den Wald frei begehen, sei er privat oder öffentlich, Lärm und Sport und Feuer machen und ernten, was der Boden, die Bäume und Sträucher hergeben. 

Ein Drittel der Schweiz ist mit Wald bedeckt. Und so wie Schweizerinnen und Schweizer ihn nutzen, müssten sie eigentlich Eintritt bezahlen. Genauer: Neun Franken pro Kopf und Besuch ist der Wald wert, das hat der Bund in einer Studie berechnet. Doch es gäbe einen Aufstand, wenn die Bevölkerung bezahlen müsste, denn sie ist es gewohnt, dass der Wald nichts kostet. So steht es auch in Artikel 699 ZGB: «Das Betreten von Wald und Weide und die Aneignung wildwachsender Beeren, Pilze und dergleichen sind in ortsüblichem Umfang jedermann gestattet.»

Und die Schweizer beanspruchen ihn oft: Mindestens einmal die Woche zieht es jeden Zweiten in den Wald. Je näher er vom eigenen Daheim liegt, umso mehr geht jemand hin, im Sommer mehr als im Winter, die meisten verbringen jedes Mal bis zu zwei Stunden darin. So soll der Mensch die Erholung erhalten, die er in der Stadt nicht findet. Und genau hier liegt das Problem.

Ein 24-Stunden-Betrieb

Ein Besuch in einem Stadtwald: Man lässt die Stadt und zehn Spaziergänger am Waldrand hinter sich. Es riecht nach Bärlauch, ein Specht hämmert. Ein Jogger läuft links vorbei. Es ist ruhig. Rechts kommt ein Biker, ein zweiter und ein dritter überholen in hohem Tempo. Der Weg wird steiler, der Atem kürzer. Weiter oben steht ein Hund auf dem Weg, ein zweiter gesellt sich hinzu. Der Halter taucht etwas später auf, die Leine in der Hand. Irgendwo brätelt eine Familie, die Kinder spielen und hören Musik. Oben auf dem Uetliberg sitzen zwei auf der Holzbank. Unter ihnen liegt Zürich.

Das klingt idyllisch, doch mit Idylle hat das schon lange nichts mehr zu tun. Dahinter verbergen sich zahlreiche Nutzungskonflikte. Denn der Dichtestress hat auch den Wald erreicht. Das trifft besonders auf die Waldgebiete von dicht besiedelten Städten und Agglomerationen zu: auf Basel, Bern, Genf, Zürich und das Mittelland. Die Mehrheit der Bevölkerung will im Wald spazieren, ruhen und sich sammeln, über ein Drittel macht aber genau das Gegenteil: Joggen, Biken, Reiten oder Geocachen, was heisst, mittels GPS-System nach einem Schatz suchen.

Warum wollen so viele in die Wälder gehen? Weil sie ihnen so viel geben. Ein Training im Wald, hat man nachweisen können, bringt mehr als eines im Fitnessstudio. Der Vitaparcours, der in den 70er-Jahren den Sport in den Wald brachte und zum Erfolg wurde, hat sich vielfältig fortentwickelt. Zu Holzbänken kamen Feuerstellen, Naturlehrpfade und Seilparks hinzu. Wer hätte gedacht, dass sich Partys von den Clubs und das Bogenschiessen von der Wiese in den Wald verlagern? Menschen halten sich heute länger in stadtnahen Wäldern auf, und das auch nachts. «Die Beanspruchung geht heute über eine Begehung hinaus», sagt Ueli Meier, Kantonsförster beider Basel. «Der Wald ist ein 24-Stunden-Betrieb geworden.» Frühmorgens führen die einen ihre Hunde aus, nachts joggen und biken die anderen mit Stirnlampe und Volllicht auf Waldwegen oder sogar abseits davon. Diese vielen Bewegungen beeinträchtigen den Lebensraum und die Ruhe der Wildtiere. Doch auch der Mensch stört sich daran. Fast ein Drittel der Waldbesucher, sagt eine Studie des Bundes, fühlt sich von Bikern, nicht angeleinten Hunden und zunehmendem Lärm beeinträchtigt – doppelt so viele wie noch vor 20 Jahren.

Noch sind die Konflikte im Wald überschaubar, doch sie wachsen mit der Bevölkerung. Die Toleranz der Menschen habe abgenommen, sagt Ueli Meier. Die Ansprüche seien hoch. «Im Wald erwarten die Leute Anonymität und Ruhe. Sie wollen ihn einsam nutzen und reagieren daher empfindlicher auf Störfaktoren.» Gleichzeitig nimmt im Wald die gefühlte Freiheit zu. Niemand fährt mit dem Bike quer über ein offenes Feld, im Wald dagegen bewegen sich viele querfeldein. Dort fühlt man sich unbeobachtet. Auf ihrer Erholungssuche gehen manche gar so weit, dass sie sich selbst in Gefahr bringen und die Arbeit der Förster beeinträchtigen. Werden Bäume gefällt und Holz geerntet, müssen Waldflächen gesperrt werden. Doch immer mehr Spaziergänger und Biker in den Agglomerationen, das sagen mehrere Fachleute, missachten Plakate und Markierungen. Zum Schutz der Waldbesucher postiert etwa der Kanton Solothurn während des Holzschlags sogar Leute an heiklen Stellen.

Gratis ist nicht kostenlos

Aber wer bezahlt das alles? Wer entfernt den morschen Ast über der Holzbank und am Waldrand, damit er das Paar darunter nicht erschlägt? Sind die zwei Kilo Trüffel wirklich gratis, welche die Frau mit ihrem Hund gefunden hat und auf dem Wochenmarkt teuer verkauft? Und die zwei Kilos Steinpilze zum Znacht? Und warum soll ein Waldkindergarten, der den Wald geschäftsmässig nutzt, nichts dafür bezahlen?

Als der Holzverkauf aus dem Wald die Leistungen und den Unterhalt der Eigentümer noch selbsttragend deckten, also die Gemeinden, Bürgergemeinden und Privaten, stellten sich solche Fragen nicht. «Wir mussten die Waldeigentümer über viele Jahre zu einem nachhaltigen Handeln erziehen», sagt der Basler Kantonsförster Ueli Meier. Das heisst: Diese dürfen nicht mehr Holz nutzen, als nachwächst. «Jetzt müssen wir den Waldbesuchern Ähnliches beibringen», sagt Meier. Denn nur weil das Beerenpflücken und das Pilzeernten gratis ist, heisst das nicht, dass es nichts kostet.

Holzbänke, Waldwege, Feuerstellen und andere Einrichtungen, die der Erholung dienen, müssen gesichert, gepflegt und kontrolliert werden. Sie erfordern also die Leistung eines Försters. Nicht nur der Aufwand für den Waldunterhalt ist grösser geworden, auch die Löhne sind gestiegen.

«1950 bekam ein Förster für einen Kubikmeter Holz ein Entgelt für 35 Arbeitsstunden, heute reicht es noch für eineinhalb Arbeitsstunden», sagt der Aargauer Förster Urs Gsell. In seinem Kanton gehören zwei Drittel des Waldes den Bürgergemeinden, sie erhalten keine direkten Steuern wie die politischen Gemeinden. Darum soll die Öffentlichkeit jetzt etwas an die Wälder beisteuern, so wie das andere Kantone wie Freiburg oder Solothurn bereits handhaben.

Urs Gsell ist Vorsitzender des Initiativkomitees, das vom Kanton Aargau mehr Geld für die Waldbewirtschaftung fordert, insgesamt 0,5 Prozent des Kantonsbudgets, 0,2 Prozent mehr als bisher. Die Aargauer werden in den nächsten zwei Jahren über die Initiative abstimmen. Es sei unbestritten, sagt Alain Morier, Leiter der Abteilung Wald des Kantons, dass die Erholung im Wald eine gemeinwirtschaftliche Leistung darstelle, die entschädigt werden müsse. Die Frage sei bloss, was alles und zu welchem Preis und durch wen.

Noch will niemand Verbote

Dabei steht diese Entwicklung erst am Anfang. Der Anspruch auf Erholung im Wald werde weiter zunehmen, sagt Ueli Meier, Kantonsförster beider Basel. Und damit auch die Spannungen. Für die stadtnahen und gut frequentierten Wälder bedeute dies, dass sich die Waldbesitzer vermehrt um die Leute kümmern müssten, die sich im Wald aufhalten. Von Verboten hält Meier nicht viel, genauso wenig wie der Bund. Vorerst setzen alle auf die Vernunft der Bevölkerung. «Der Weg ist, miteinander zu reden, nicht übereinander», sagt Meier. Hunde und Biker bräuchten keine eigenen Routen, das löse nur noch mehr Ansprüche aus.

Auch Zürich, die grösste Schweizer Stadt, setzt auf Gespräche. «Natürlich gibt es manchmal Meinungsverschiedenheiten», sagt Sprecher Lukas Handschin von Grün Stadt Zürich. Die Stadt sei aber im ständigen Dialog mit verschiedenen Gruppen. Für Biker hat Zürich eigene Wege gebaut. Aber auch sie können nicht verhindern, dass illegale Trails durch Wald gezogen werden und sich Ruhesuchende immer wieder am Lärm auf dem Uetliberg stören. Stellt sich bloss die Frage: Was für einen Wald wollen wir? Ganz ohne Konflikte wird es wohl nicht gehen. Vielleicht ist es auch eine Frage der Perspektive: Wer in der Stadt dicht nebeneinander lebt, will es im Wald weniger eng haben. Der Wald kostet die Stadt Zürich rund sechs Franken pro Einwohner und Jahr. Also genauso viel, wie ein Zürcher für einen Latte macchiato bezahlt. Atmosphäre inbegriffen.

Erschienen im Tages-Anzeiger vom 4. April 2017