Dreissig Jahre im Leben

Foto: Fabian Unternährer
Foto: Fabian Unternährer

 ANNI LANZ, 70, störte es, dass Menschenrechte lange nur Männerrechte waren. Das hat sie geändert – und machte sich unbeliebt.


Es ist unglaublich, dass Angela Merkel gesagt hat: «Wir schaffen das!» Plötzlich interessieren sich alle für das Elend der Flüchtlinge. Bis sie dann wieder die sind, die uns das Paradies streitig machen. Es ist schwierig, Migrantinnen und Migranten öffentlich konsequent zu vertreten, ohne sie zu verherrlichen. Die sexuellen und andere kriminelle Übergriffe wie in Köln haben mich nicht überrascht. Hoffnungslosigkeit kann Menschen zu so etwas bringen. Es ist falsch, dieses Verhalten nur auf Nordafrikaner zu projizieren – es könnten grad so gut Deutsche oder Schweizer sein. Und Menschenrechte gelten unabhängig davon, ob jemand sympathisch oder unsympathisch ist.

   «Männer befragten Männer, und die Frauen sassen stumm daneben. Das regte mich sehr auf»

 Vor dreissig Jahren setzte sich das Ehepaar Zuber gegen die rigide Flüchtlingspolitik ein. Die beiden sagten, man müsse Flüchtlinge verstecken, die ausgeschafft werden sollen, obwohl sie von Tod oder Folter im Heimatland bedroht sind. Das beeindruckte mich. Und ich trat der Bewegung bei. Damals waren es vor allem Männer, die sich öffentlich für Flüchtlinge engagierten, Frauen arbeiteten im Hintergrund. Das störte mich. Also vernetzte ich mich mit Migrantinnen. Eine brachte mich mit einer Sans-Papiers zusammen, die ein Schweizer als Sexsklavin gehalten hatte. Ihre Geschichte löste bei mir ein Gefühl der Ohnmacht aus; deshalb blieb ich dran.

Zur selben Zeit war ich als Hilfswerkvertreterin bei Flüchtlingsbefragungen dabei. Männer befragten Männer, und die Frauen sassen stumm daneben. Dabei hatten sie oft mehr Grund zur Flucht, wollten das ihren Männern aber nicht anvertrauen. Das regte mich sehr auf. Ich wurde sofort entlassen. Ich kämpfte wohl zu hartnäckig. Die Asylbehörde fand, die spinnt, die mit ihrem Frauentick. Wer Neuland betritt, macht sich unbeliebt. Das muss man aushalten.

Die UNO-Weltfrauenkonferenz 1995 war dann ein Durchbruch. Gastgeber China sagte, wir Frauen könnten kommen, weil wir friedlich sind und stricken. Sie bereuten ihren Entscheid. Wir demonstrierten für die Rechte der Tibeterinnen und für Lesben. Und Tausende Frauen setzten durch, dass die systematische Verfolgung von Frauen, Zwangsheirat, Klitorisbeschneidung, Vergewaltigung als Menschenrechtsverletzungen und Asylgrund anerkannt wurden. Vorher galt das als Privatschicksal der Frau. Nun müssen wir diese Errungenschaften unbedingt erhalten. Die Behörden finden heute Übergriffe auf Frauen oft zu banal und glauben Betroffenen weniger.

«Vorher galt die systematische Verfolgung
von Frauen als ihr Privatschicksal»

Mich hat die Frauenbewegung von Vorurteilen befreit und von den Klischeebildern, wie ich zu sein habe. Mein Mann hat mich immer unterstützt. Er war weniger politisch aktiv als ich, fand aber gut, was ich machte. Als wir 1970 heirateten, wollte ich Hausfrau sein. Aber er sagte: Anni, du musst etwas Interessanteres machen. Nach dem Soziologiestudium baute ich mit anderen eine Genossenschaftsbeiz in Basel auf. Mein Vater war sehr enttäuscht, er dachte, ich mache eine akademische Karriere. Aber er und meine Mutter hielten zu mir.

Heute können Frauen wählen und abstimmen und ihre Fähigkeiten entwickeln. Wir Feministinnen haben die Welt etwas verändert. Andererseits müssen Frauen heute alles sein: attraktiv, berufstätig und Mutter – auch der Normdruck ist wieder grösser. Wenn ich Schülerinnen im Bus sehe, denke ich: Die schauen ja alle gleich aus. Letzthin sah ich eine mit kurzen Haaren, eine Ausnahmeerscheinung. Wenigstens begegne ich ab und zu mal einer Frau aus Afrika, die eine andere Frisur trägt. Das ist wohltuend.

Veröffentlicht in: DAS MAGAZIN vom 27. Februar 2016

 

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