Er wollte einfach verschwinden

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Christopher Knight lebte 27 Jahre unentdeckt im Wald.

Wie oft wollte einer einfach fortgehen. Ins Nirgendwo losziehen. Und hat es dann bei der Sehnsucht belassen. Nicht so Christopher Knight. Als er von daheim in die Wildnis aufbrach, war er 20 Jahre alt und Ronald Reagan Präsident. Barack Obama regierte, als ihn die Polizei 2013 festnahm. Dazwischen lebte er 27 Jahre in den Wäldern von Belgrade Lake im US-Bundesstaat Maine.

Seine Familie hatte ihn über die Jahre vermisst, ein Privatdetektiv nach ihm gesucht. Doch irgendwann hat Knight für die Welt aufgehört zu existieren, und das kam ihm sehr entgegen. Denn er habe einfach verschwinden wollen, sagte er dem Journalisten Michael Finkel. Dieser hat ein Buch über den Einsiedler geschrieben. Vor ihm hat es andere in die Wildnis getrieben: auf der Suche nach Inspiration, wegen ihres Glaubens, aus Protest gegen die schlechte Welt. Nicht alle überlebten – die einen verhungerten, andere brachten sich um.

Auch Christopher Knight kämpfte gegen den ständigen Hunger. Denn er jagte und tötete nicht. Ausserdem brauchte er Schutz gegen die eisige Kälte im Winter. Er habe zuerst seine Skrupel überwinden müssen, gab er später zu. Denn alles, was er ass und besass, stahl er von anderen. In Belgrade Lake wusste niemand, wer nachts in die Wochenendhäuser eindrang, rund eintausendmal, Steaks und besonders gerne Erdnussbutter klaute, Batterien, Gas und Bücher. Der «Eremit von North Pond», wie sie ihn nannten, hinterliess keine Spuren und kaum Schäden, aber Hausbesitzer in Angst.

Doch dann fasste ihn die Polizei bei einem Einbruch in neuen Kleidern, sauber und rasiert. Im Wald sicherte sie Zelt, Schlafsäcke, Fernsehen und steckte den Einsiedler sieben Monate ins Gefängnis. Die einen bewunderten ihn, ein Dieb war er für andere. Und einer, der alle faszinierte.

Knight erhielt Heiratsanträge, Geld, Briefe, und viele wollten etwas von ihm wissen. Was hatte er zu sagen? Welche Geheimnisse entdeckt? Wie hatte er überlebt? Doch Knight schwieg stoisch, sah Menschen nicht an. Diese rätselten: Hatte er das Asperger-Syndrom? Litt er an Depressionen oder Schizophrenie?

Er habe einfach allein sein wollen, sagt Knight, der mittlerweile in der Stahlschrottfabrik seines Bruders arbeitet. Mit Menschen kann er es nicht, sie erschöpfen und irritieren ihn, er braucht ihre Gesellschaft nicht. Der Journalist Michael Finkel war der Einzige, mit dem er im Gefängnis sprach. Über 27 Jahre hatte Knight geschwiegen, einzig einem Wanderer «Hi» gesagt. Und sich sonst selbst genügt. Er sei einsam gewesen, sagt Knight, und das habe er gemocht. Da sei kein Publikum gewesen, vor dem er habe performen oder sich definieren müssen. «Ich wurde irrelevant.» Er habe gedacht, er würde in der Wildnis sterben. Stattdessen ist er zum berühmtesten Mann von Maine geworden, sein Leben verewigt in einem Buch.

Erschienen im Tages-Anzeiger vom 28. März 2017

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