Paar-Scout mit der Kamera

Barbara Davatz, Fotografin der Serie «As Time Goes By». (Bild: Christoph Ruckstuhl / NZZ)
Barbara Davatz, Fotografin der Serie «As Time Goes By». (Bild: Christoph Ruckstuhl / NZZ)

Nicht alle Menschen ziehen Barbara Davatz an. Jenen aber, die sie anziehen, bleibt die Fotografin treu. Mit 72 Jahren hat sie nun den grössten Erfolg.


Sie scheut die Kamera, nicht aber den Auslöser. «Ich suche die Beachtung für meine Arbeit, nicht für mich», sagt Barbara Davatz, lässt Steg im Tösstal hinter sich und biegt auf dem Weg in ihr Atelier links ab. Sie hat über die Jahre vieles dokumentiert: für sich die Reise im Wohnmobil mit ihrem Mann, den Umbau ihres Studios, die jährlichen Zweier-Portionen ihres Gartengemüses. Und für andere Landschaften und besonders Menschen.

Die Lust am Sehen brachte Barbara Davatz zur Fotografie. «Ich schaute immer gerne, weil ich gerne zeichnete», sagt sie. 1982 begann Barbara Davatz, zwölf Paare zu fotografieren. «Junge Paare» hiess die Arbeit und entstand «durch eine Initialzündung», wie sie sagt. Der Auslöser hier war ein Zürcher Paar, das sie kannte, blond die Haare, schwarz die Kleider: Sie nahmen mit ihrem Äusseren eine Haltung ein. Es waren Zeiten der Jugendunruhen und der Schulterpolster.

Das Gesetz der Anziehung

«Das Paradies hat seinen Preis», sagt Barbara Davatz, die Strasse führt nun steil nach oben. Sie meint nicht den plötzlichen Erfolg, den sie im Alter von 72 Jahren erfährt, sondern ihr Bauernhaus in der Mittagssonne am Ende der langen Strasse. «Den Preis», sagt sie, «bezahle ich mit Angstschweiss, wenn ich im Winter den Weg runterfahre».

Schweiss von der Arbeit vielleicht, aber Furcht kennt sie eher weniger. Die Fotografin lebt zwar zurückgezogen, ihr Umgang dagegen ist offen. Sie bietet einem sofort das Du an und spricht mühelos Fremde an, wie kürzlich am Bahnhof Steg eine junge Frau. «Wo haben Sie diese irrsinnigen Stiefel gekauft?», fragt sie, rollt das R, das ihre amerikanische Vergangenheit leicht verrät. Oder auch, um die Unbekannten danach zu fotografieren. Sie sagt: «You feel attracted to some people, not to all people», nicht zu allen fühlt sie sich gleich hingezogen.

In ihren Bildern sucht sie nicht den gefälligen Gesichtsausdruck, sondern eine aufmerksame Präsenz. Die Porträtierten wirken verletzlich und offen, meist ohne sichtbare Emotionen, aber nicht leer. Die Fotografie ist in schwarz und weiss gehalten und nüchtern, also ohne Effekte. Es braucht viel Willen und Können, um die Menschen so abzulichten.

Ihr Studio ist geräumig und hell. Von hier aus sieht man auf Hang, Mischwald und Horizont. An der einen Wand hängt ein grosses Papier, hier stehen die Porträtierten, wenn Barbara Davatz den Auslöser drückt. Sie empfindet es als sinnlich, ja fast erotisch, wie manche Menschen in die Kamera blicken. «Wann sonst blicken die Menschen einem so tief in die Augen?», fragt sie. «Wenn sie verliebt sind!»

Bei ihr war das Pius. Sie hatte sich in den Mechaniker verliebt, den sie 1979 kennenlernte und 25 Jahre später heiratete. Sie sagt, sie seien ein Team. Sie zieht Gemüse im Garten, er kocht es, beide bauten Haus, Atelier und Wohnmobil um. Ein Paar im Übergewand.

«As Time Goes By» entwickelte sich zu ihrem Hauptwerk und machte Barbara Davatz zur Forscherin über Paare und das Älterwerden. Fast wäre das Projekt bei der dritten Aufnahmeserie gescheitert, einige wollten absagen, schämten sich, weil sie schon wieder anders liiert waren. Die Fotografin hielt die Paare nochmals 1987, 1997 und letztmals 2014 fest – ihr Altern. Offensichtlich ist bei den 84 Menschen nur, wie sich ihre Stile und Beziehungen in den Jahren veränderten. Und wie sie gealtert sind. Nicht aber, ob sie 1982 verliebt, nur befreundet oder verwandt waren, sich später trennten oder sogar starben. Das bleibt geheim.

Am Tisch, in einer Ecke des Raumes, greift Barbara Davatz nach einem Karton, der auf einem Stapel von Dossiers liegt. Sie wird die nächsten Stunden weitere sorgfältig beschriftete Schachteln und Bücher öffnen, die alle ihren Platz haben. Peinlich genau, könnte man sagen. «Ordnung ist meine Freundin», sagt es sie, «und zwar keine biedere und bürgerliche.» Sie ist gut organisiert und ändert nicht, was sich über Jahre bewährt hat. Auch der Aufnahmemodus ihrer Langzeitstudie, sagt Patrick Frey, Verleger der Bücher der Serie, sei seit 1982 immer derselbe geblieben.

Willi Ritschards Segen

Sie legt eine Foto auf den Tisch, die ihren Vater mit Pfeife, die vierjährige Barbara und die jüngere Schwester vor einem Schiff zeigt, das die Familie 1948 an die amerikanische Ostküste brachte. Nach Port Chester, einem Vorort von New York, wo ihr Vater arbeitete. Sie erzählt, wie sie von Bärbeli zu Barbie wurde, mit Schwarzen zur High School ging. Sie wird später sagen, sie habe die Überfremdungsinitiative von 1971, die sich gegen die Ausländer in der Schweiz richtete, wohl auch daher nicht verstanden.

1972 fotografierte sie Arbeiter, vorwiegend Migranten, einer Textilfirma. Auch hier fällt die übliche formale Strenge ihrer Bilder auf: dasselbe Licht, derselbe Bildausschnitt. An der Ostküste studierte sie noch ein Jahr am College, wollte Illustratorin werden, war 19 Jahre alt, hörte erstmals Bob Dylan in der Jukebox und dachte, jetzt beginne das Leben. Genau dann, 1963, nahm ihr Vater einen Job in Appenzell an.

Die Schweiz war anders und der kulturelle Unterschied ein Schock für sie. «Ich hatte Mühe mit dem Deutsch», sagt Barbara Davatz. Sie wäre genug alt gewesen, in den USA zu bleiben. Aber wäre sie nicht mitgegangen, hätte es die Familie gespalten. Das wollte sie nicht. Die Entscheidung hat sie in ihren späteren Beruf geführt.

Sie holt eine Box, die Sonne steht schon tiefer, und entnimmt ihr einen Stapel fein zugeschnittener Farbkopien und sagt: «Das sind 40 Jahre Auftragsarbeiten.» Etwa für die «Schweizer Familie» oder «Annabelle» fotografierte sie Kosmetik-Königinnen, Politiker und Wirtschaftsbosse, überzeugte sie, für das beste Bild auch einmal das Hemd zu wechseln. Auch hier sollten Kleider nicht vom Gesicht ablenken und das Porträt einer Hose werden.

Im Vorkurs an der Kunstgewerbeschule Basel entdeckte sie die Fotografie, bestand die Prüfung für die Zürcher Fotofachklasse, setzte sich gegen ihren Vater durch, der sie lieber als Grafikerin gesehen hätte. Er sagte, Fotografin sei kein Beruf für eine Frau, und nur widerwillig: «Wagen wir das Experiment!» Sie zeigt ein Bild von Alt-Bundesrat Willi Ritschard. Dieser begegnete bald danach ihrem Vater, Chef einer Fabrik, an einem Kongress. Er las sein Namensschild und fragte: «Sind Sie verwandt mit Barbara Davatz?» Der Politiker sagte, wie zufrieden er mit dem Bild sei. Ihr Vater kopierte die Foto und verschickte sie seinen Freunden. «Das Experiment hat sich doch noch gelohnt», sagt sie und lacht, wie so oft an diesem Nachmittag.

Die Zeitlose

Die Sonne zieht sich zurück, und die Fotografin öffnet den Katalog ihrer Arbeit «Beauty lies within». Es sind über 80 Farbporträts von Verkäuferinnen und Verkäufern einer globalen Modekette. Barbara Davatz zeigt, auch hier, die Kleidercodes und die damit verbundene Identität. Sie sprach in sieben Filialen Frauen und Männer an, setzte sich in den Pausenraum, zeigte ihre Mappe, verharrte Stunden und erhielt 150 Zusagen. Eine junge Frau, die sie später im Studio fotografierte, sagte ihr: «Wir merkten, dass du es wirklich willst.»

Ihr über vierzig Jahre altes Schaffen blieb dem breiten Publikum fast genauso lange vorenthalten und beschert der Fotostiftung Schweiz in Winterthur nun hohe Besucherzahlen: Vergänglichkeit betrifft alle und es interessiert viele. Katja Herlach, die 2012 Davatz‘ erste grosse Retrospektive im Kunstmuseum Olten kuratierte, sagt über sie, ihr Interesse an den Menschen sei echt. «Sie bringt dem Gegenüber viel Aufmerksamkeit entgegen.» Und sie verteidige ihr Setting, wenn es entschieden sei. Das bestätigt auch Patrick Frey, der Verleger: «Sie überlässt nichts dem Zufall, sie ist sehr beharrlich und behutsam zugleich.»

Kurz nach Abschluss der Fotofachklasse zweifelte Barbara Davatz. Sie hatte keine Aufträge, jobbte im Plattenladen und trug Expresspost aus. «Ich wollte aber diesen Fotoberuf unbedingt machen», sagt sie und lebt heute noch bescheiden. Die Arbeit kam doch noch. Für Magazine reiste sie etwa nach Irland und Afrika und war bei sechs Geburten dabei. Sie war tief beeindruckt. «Irrsinnig», sagt sie, wollte aber selbst keine Kinder. «Nicht jede Frau muss Kinder haben.» Ihre Unabhängigkeit liess sich damit aber nicht vereinbaren.

Es ist bereits dunkel, als Barbara Davatz den Motor startet und losfährt, um den Besuch an den Bahnhof zu fahren. Wie sie an diesem langen Nachmittag erzählt, was sie auswählt und zeigt: Daran merkt man, wie unkompliziert sie ist und wie gerne sie die Kontrolle behält.

Katja Herlach, die Oltner Kuratorin, erinnert sich: Einmal schneite es, und das Auto der Fotografin rutschte fast das Bord hinunter. «Trotzdem stand sie nur wenig verspätet bei uns im Museum in Olten.» Anderen rennt die Zeit davon, Barbara Davatz hat auch die  im Griff.

Erschienen in veränderter Fassung: Neue Zürcher Zeitung vom 1. April 2016.