So lang wie breit

Eine Verteidigung zum gestrigen Welt-Aids-Tag.


Zwei Menschen wollen. Und dann verdirbt es das Ding, das so künstlich riecht, der Geruch klebt am Körper; noch lange danach. Das ist unsexy.

Plastik schmeckt eben nicht. Heisse Schokolade ist im Glas auch viel köstlicher als im Becher, Erdbeeren ab Strauch viel aromatischer als eingepackt. Warum sollte es beim Sex anders sein? Andererseits: Ein Kondom ist nur 0,1 Millimeter dünn. Es ist rasch montiert. Und es schützt vor Ansteckungen mit HIV, Tripper und anderen Geschlechtskrankheiten.

Vergleichen wir seine Nachteile mit dem Risiko, das wir für einige ungestörte Momente des Begehrens eingehen; Momente, die eine Nacht lang anhalten und dann in der Erinnerung noch ein paar Tage oder Wochen bleiben. Wer den HIV-Test machen musste und am Telefon auf den Befund wartet, weiss, wie sich das anfühlt. Noch besser wissen es aber all jene, die HIV-positiv sind. Sie wissen von den Medikamenten, die sie einnehmen müssen. Jeden Tag. Sie wissen von den Rechnungen, die sich stapeln. Sie wissen von der Gesundheit, die nicht mehr ist.

Bisher bot der Gummi den sichersten, also den besten Schutz. Jetzt bekommt er Konkurrenz: Alle reden von Prep, dem Medikament, das, präventiv eingenommen, zwischen 90 bis 99 Prozent vor einer HIV-Infektion schützen soll. Sagen jedenfalls die Experten. Anvisiert sind die Männer, die Sex mit anderen Männern haben. Die Pillen schluckt man täglich. Und sie kosten: das Medikament 900 Franken im Monat, der obligate Arztbesuch und das Rezept.

Einfacher und billiger geht es mit dem Kondom: Es ist in der Megapackung für knapp 15 Franken zu haben, eine durchsichtige, weiche Lebensgarantie, so lang wie breit. Nicht besonders sexy. Aber ungemein wirksam.

Veröffentlicht im Tages-Anzeiger vom 2. Dezember 2016.

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