Stolz und Vorurteil

Foto © Ausschnitt aus dem Film Heidi von Alain Gsponer
Foto © Ausschnitt aus dem Film Heidi von Alain Gsponer

Was Hamburger von Zürich halten und sie die Schweizer sehen.  


Weihnachten in Hamburg. Schweizer Pünktlichkeit kann ich an diesem Abend nicht einlösen: Die deutsche Fluggesellschaft hat Verspätung. Ich klingle, Carlos begrüsst mich an der Tür. Die Gepäckstücke an Schultern und Armen kann er mir nicht abnehmen, er bellt und wedelt nur. Im Ofen warten bereits die Reste des Gänsebratens, im Wohnzimmer der Freund, seine Familie und eine Journalistin. Nicht ohne Stolz werde ich vorgestellt: «Eine Freundin aus Zürich.»

Zehn Augen mustern mich von oben bis unten, als wäre ich exotisch oder Heidi in Frankfurt. Mein Haar duftet nach Heu, ich spreche sieben Sprachen, habe ein Banknummernkonto und bin reich. Stolz und Vorurteil lasse ich über mich ergehen: Zürich ist schön. Zürich ist teuer. Zürcher mögen die Deutschen nicht. Und, wie heisst er gleich noch, der im deutschen Fernsehen über die Zuwanderung debattiert? Roger Köppel. Die vornehme Gesellschaft will es genau wissen. Mit gestrecktem Rücken sitze ich vor meinem Teller mit aufgewärmten Speisen: Dinner for one. So viel Aufmerksamkeit habe ich nur in Deutschland. Höflich beantworte ich jede Frage und achte darauf, dass ich Zürich gut vertrete. Ich erkläre den Fluglärmstreit, die Bau-Eskapaden auf dem Üetliberg und die direkte Demokratie. Und nein, die Zürcher mögen die Deutschen natürlich.

Zehn Augen mustern mich von oben bis unten,
als wäre ich exotisch oder Heidi aus Frankfurt.

Der Freund lächelt, bis jetzt habe ich alles richtig gemacht. Auch mein Deutsch klingt akzentfrei, das hat er mir mehrfach versichert. Darauf lege ich viel Wert. Ich sage Geldbeutel, nicht Portemonnaie. Parken, nicht parkieren. Mangold, nicht Krautstiel. Die Stimmung ist heiter, ich fühle mich wohl. Auch die deutsche Journalistin macht einen zufriedenen Eindruck. Sie lächelt und sagt: «Schweizerdeutsch ist gar nicht so schwierig zu verstehen.»

Erschienen in: Neue Zürcher Zeitung vom 28. Dezember 2015

 

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