Wie Flüchtlinge zu FCZ-Kids werden

Teilnahme am Fussballcamp: Beim FCZ dürfen Flüchtlingskinder ihre Vergangenheit kurz vergessen. (Bild: Karin Hofer / NZZ)
Teilnahme am Fussballcamp: Beim FCZ dürfen Flüchtlingskinder ihre Vergangenheit kurz vergessen. (Bild: Karin Hofer / NZZ)

 

Fussball ist einfach, das Spiel ersetzt die Sprache und verbindet Kulturen. Der FC Zürich unterstützt die Integration seit langem. Erstmals nehmen diese Woche Flüchtlingskinder am Fussball-Camp teil.


Mina hat Geburtstag, sie wird 13 Jahre alt. Es ist kalt, die Wolken hängen tief. Sie lächelt schüchtern, als man ihr Frösteln bemerkt. Mina trägt ein Kopftuch. Es ist das Einzige, was das Flüchtlingsmädchen optisch von den andern unterscheidet. Auch sie trägt ein blau-weisses Trikot, blaue Shorts und Strümpfe wie die anderen 195 Kinder, die an diesem Dienstagmorgen auf dem Fussballfeld im Heerenschürli in Schwamendingen stehen, laufen, hüpfen und die Bälle auf Tore schiessen.

Mina hat eine lange Reise hinter sich. Sie spricht Farsi; eine Dolmetscherin übersetzt. Die Afghanin kam zu Fuss und über Wasser über Iran, die Türkei und Griechenland in die Schweiz, schlief im Wald auf dem Boden, hatte wenig zu essen und schlechte Bekleidung. Doch Mina und ihre Eltern haben es geschafft. Seit einem Monat leben sie im Durchgangszentrum Dorfstrasse in Zürich Wipkingen.

Elf Kinder, eine Mannschaft

Ähnlich geht es den anderen Buben und Mädchen, Flüchtlingskinder zwischen 9 und 13 Jahre alt, die der FC Zürich diese Woche ins Kinderfussball-Camp eingeladen hat. «Es ist das erste Mal, dass wir mit Flüchtlingskindern trainieren», sagt Adi Elvedi, der als einer der Trainer den Kindern zeigt, wie sie Tore schiessen und den Ball technisch behandeln sollen.

Im Gegensatz zu den sieben Buben hat Mina noch nie Fussball gespielt, genauso wenig wie Mohadese, Giti und Elena. In ihren Herkunftsländern dürfen Mädchen nicht Fussball spielen. Sie erzählen, dass sie sich gerne auf das Training vorbereitet hätten, aber nicht wussten, wie. Das Spiel fänden sie interessant, auch wegen der Buben, sagen sie und lachen. Es sind seltene heitere Momente. Die Kinder haben nicht nur schwierige Geschichten im Herkunftsland hinter sich, sondern auch eine schlimme Reise, über die sie nicht immer sprechen mögen. Ob sie in der Schweiz bleiben können, wissen sie noch nicht. Die Mädchen wollen sich nicht fotografieren lassen. Die Dolmetscherin erklärt, die Familien wollten nicht, dass alle ihre Mädchen sähen. Die Flüchtlingskinder leben mit ihren Familien in einem Zimmer im Durchgangszentrum, Duschen und Küchen teilen sie sich mit anderen Flüchtlingen. Sie müssen zur Schule, wie alle Kinder in der Schweiz.

Jetzt, in den Herbstferien, ist diese Sportwoche für die Flüchtlingskinder ein spezielles Erlebnis und für Thomas Kunz, den Direktor der Fachorganisation AOZ, ein geeignetes Projekt: «Integration geschieht primär durch den direkten Kontakt zwischen den Zugewanderten und der einheimischen Bevölkerung.» Fussball bewirke ein Gemeinschafts- und ein Zugehörigkeitsgefühl und das entstehe nur durch gemeinsames Tun, sagt Kunz.

Im Heerenschürli Schwamendingen stehen die Buben im Spielfeld, die Mädchen am Spielfeldrand. Mohadese, 10 Jahre alt und die Jüngste, versucht sich als Erste am Ball und bekommt ihn voll ins Gesicht geschossen. Die Mädchen trösten sie, die Tränen trocknen schnell. Schweizer Kinder fragen, ob die AOZ-Betreuerin übersetzen könne. Sie kann nicht, auch sie spricht ihre Sprache nicht. Es funktioniert trotzdem. Das Spiel ist einfach, der Ball das Kommunikationsmittel. Die Buben haben sich bereits in die Gruppen eingereiht, zwei von ihnen sind Mounir und Osman. Die Eritreer sprechen kein Farsi, Arabisch oder Kurdisch wie die anderen Flüchtlingskinder. Sie wirken konzentrierter, machen das nach, was andere Kinder vormachen. Trainer Elvedi sagt, die Einfachheit des Spiels vereinfache auch die Integration.

Rösti und Supermarkt

In der Bevölkerung hat ein Stimmungsumschwung stattgefunden. Viele wollen sich engagieren. «Unsere eigene Vorgabe ist, dass Projekte zu Erfolgsgeschichten führen. Ein freiwilliges Engagement darf nicht im Frust enden», sagt Thomas Kunz. Das AOZ hat vor der Fussballwoche viele Gespräche mit den Eltern geführt, die elf Kinder zusammengeführt, alle darauf vorbereitet.

Aliakbar, 10 Jahre, sitzt auf dem Fussball, er ist seit zwei Monaten im Durchgangszentrum Dorfstrasse Zürich Wipkingen. Genauso lange war er auf der Flucht mit seiner Schwester, der zwei Jahre älteren Giti. Sie sagt, es sei besser hier als in Afghanistan, hier könne sie zur Schule gehen. Was mag sie besonders in der Schweiz? Die Dolmetscherin lacht laut auf und übersetzt, ihr gefalle, was alle Mädchen gerne täten: shoppen. Giti geht gerne in den Lidl wegen der Kleider und weil es billiger sei. Und sie liebe Rösti, die sie täglich essen könnte. Die Flüchtlinge kochen selbst und gehen auch selbst einkaufen, wie es im normalen Leben üblich ist. Ihnen wird gezeigt, wo sie einkaufen können, welche Produkte günstig, welche teuer sind, wie der Ticketautomat für die Verkehrsmittel, wie überhaupt der Alltag funktioniert.

Im Heerenschürli hat es zu regnen begonnen. Die Mädchen geben den Ball ab, das Spiel geht weiter, sie kommen am nächsten Tag wieder. Mounir und Osman, zwei Eritreer, sowie andere Flüchtlingskinder beim Training im FCZ-Camp Schwamendingen.

Erschienen in: Die Neue Zürcher Zeitung vom 15. Oktober 2015

 

ANCILLO CANEPA: «FUSSBALL IST DER GRÖSSTE GEMEINSAME NENNER»

Ancillo Canepa, Präsident des FC Zürich, über das Flüchtlingsprojekt

Herr Canepa, was hat Sie veranlasst, Flüchtlingskinder eine Woche in das Fussball-Camp einzuladen?

Wir engagieren uns beim FC Zürich seit Jahren für soziale und kulturelle Projekte. Die gegenwärtige Situation und die schrecklichen Bilder gaben den Impuls, zusammen mit den Fans aus der Südkurve ein Zeichen zu setzen und Flüchtlingskinder teilhaben zu lassen, damit sie sich hier heimischer fühlen. Es hören das zwar nicht alle gerne, aber Fussball ist immer noch der grösste gemeinsame Nenner, der die Gesellschaft und die Welt verbindet. Diese Plattform können wir nutzen.

Was denn kann Fussball bewirken, was die Politik nicht kann?

Beim Fussball haben wir ein gemeinsames Ziel, arbeiten zusammen, kommunizieren miteinander. Ich sage nicht ohne Stolz, dass wir der einzige Profi-Fussballklub sind, der eine Behindertenmannschaft hat. Sie hat diesen Sommer an den Paralympics in Los Angeles die Silbermedaille gewonnen.

Haben Sie selbst schon Erfahrungen mit Flüchtlingen gemacht?

Vor zwei Jahren habe ich mit einem Flüchtling, einem Iraner, die Rollen getauscht. Ich machte einen halben Tag seinen Job, er meinen. Das Gefühl, dass Flüchtlinge nicht anders sind als wir, hat man nur, wenn man sie persönlich trifft. Die Integration beginnt vor Ort und nicht auf dem Papier oder am Verhandlungstisch.

Diese Integrationsaufgabe dürfte sich auch in Ihrem Fussballklub stellen – viele Spieler sind Ausländer.

Dazu kann ich ein Beispiel erzählen. Vor einem halben Jahr kam ein Spieler aus Senegal zu uns. Er hatte noch nie Schnee gesehen, er wusste nicht, wie man Handschuhe anzieht, wie man das Tram benützt. Unsere Leute zeigten es ihm, gingen mit ihm einkaufen, kochten mit ihm zusammen, damit er es lernt. Bei den Flüchtlingen ist es nicht anders.

Haben Sie sich speziell auf diese Woche vorbereitet?

Nein, die Fussballsprache ist universal, die Kinder lernen schnell und sind schnell integriert. Natürlich gibt es Unterschiede, etwa beim Essen. Wir bieten unseren Fussballern, die kein Schweinefleisch essen, immer verschiedene Gerichte an. Und wir nehmen Rücksicht auf die Religionen, die die Spieler unserer Mannschaften haben. Ein Fussballer betete viermal am Tag, wir stellten ihm einen Raum zur Verfügung. Das wurde akzeptiert und war überhaupt kein Problem. Es ist alles vorhanden. So mussten wir uns auch nicht speziell auf die Woche vorbereiten.

Was werden die Flüchtlingskinder aus dieser Woche mitnehmen?

Hoffentlich haben wir elf neue FCZ-Fans (lacht). Ich glaube, sie werden diese Woche ihr Leben lang nicht vergessen. Für sie hat das eine grössere Bedeutung, als wir uns vorstellen können. Wir werden dieses Projekt jedenfalls auch in Zukunft weiterführen.

Was bringt die Aktion den anderen Kindern, die am Camp teilnehmen?

Als ich den Iraner traf, dachte ich auf den ersten Blick, es gebe keine grosse Gemeinsamkeit zwischen uns. Aber als wir miteinander sprachen, merkten wir, dass es eine gute Diskussionsbasis gibt. So wird es auch den Kindern ergehen, denke ich. Kinder reagieren sehr normal. Sie werden in fünf, zehn oder zwanzig Jahren offener gegenüber Flüchtlingen sein, weil sie es jetzt auch anders erleben. Das Projekt hat auch einen gewissen pädagogischen Wert.

Planen Sie noch weitere Projekte?

Wir werden in Zukunft weiterhin Flüchtlinge zu den Spielen einladen. Im Weiteren haben wir ein Engagement im Lokal der Südkurve, und wir planen den Aufbau einer Sprachschule. Aber dazu kann ich im Moment nicht mehr sagen.

Das tönt alles gut. Sie werden aber sicher auch mit Ängsten aus der Bevölkerung konfrontiert.

Nein, überhaupt nicht. Negative Reaktionen sind bis jetzt ausgeblieben.

Erschienen in: Die Neue Zürcher Zeitung vom 15. Oktober 2015